Ein wirklich gutes Buch nimmt in meinem Kopf so viel Platz ein, dass da nichts anderes mehr rein passt. Ich lasse mich völlig in den Bann schlagen, gehe in Worten auf, bewundere Satzkonstruktionen, gehe vor Lachen in Tränen auf oder versinke vor Scham im Boden. Wenn ich lese, benehme ich mich anders, als sonst in meinem Alltag. Fast möchte ich meinen, dass ich beim Lesen ein anderes Ich bin. Darum gibt es heute 9 Fun-Facts über mein Lese-Ich. ✨
1. Lese-Ich=Stilles Ich
Mein Lese-Ich ist ein gemütlicher Charakter. Von außen betrachtet. Es ist das absolute Gegenteil zu dem Ich, dass ich für den Aufbau meiner Selbstständigkeit entwickelt habe, das gern mal von Außenstehenden als Powerhouse bezeichnet wird. Mein Lese-Ich ist Weltmeister im Stillsitzen und kommt mit einem minimalen Aufwand an Nahrungsmitteln aus. Es kann tagelang allein von Tee und Keksen leben und ist in der Lage den Inhalt mehrerer Bücher direkt hintereinanderweg zu absorbieren. Stundenlanges verharren in einer sitzenden oder liegenden Position, nur hin und wieder unterbrochen von einem Lagewechsel, sind fest in das Muskelgedächtnis meines Lese-Ichs programmiert.
Zwischenmenschliche Aktivitäten sind für mein stilles Lese-Ich weder erforderlich noch wünschenswert. Ganz im Gegenteil: Sie sind während des Vorgangs eine Belastung, ein unkalkulierbarer, grenzenloser Störquell und vor allem: Futter-Konkurrenz. (Wer teilt schon gern seine Kekse, wenn neues Keksebacken eine halbe Stunde lang von der Lektüre abhält?)
Die zwischenmenschliche Interaktion kann es auf ein gekonntes Minimum aus Grunzlauten reduzieren, die trotzdem universell verständlich und absolut aussagekräftig sind.
2. Ein völlig in sich versunkenes Ich
Das Talent Zeit und Raum vollkommen zu vergessen gehört ebenso zum Repertoire meines Lese-Ichs wie die völlige seelische Verbundenheit mit meiner Protagonistin. Leidet sie, leide ich. Lernt sie, lerne ich. Liebt sie, liebe ich. Hasst sie, hasse ich. Mein Lese-Ich ist etlichen Männern verfallen, deren Existenz in der Realität weit mehr als nur utopisch ist und hat viel mehr Geduld aufgebracht, als ich es jemals hätte aufbringen können. Vor allem mit Männern.
Mein Lese-Ich hat einen Fokus, der wirklich alles ausblenden kann
Konversationen mit dem Lesenden Ich
Wenn meinem Lese-Ich beim Lesen Fragen gestellt werden, kann ich mich nicht an sie erinnern, geschweige denn, an die Antworten, die ich gegeben habe. Gleiches gilt natürlich für andere Infos. Mein lesendes Ich ist sogar in der Lage, ganze, lange und zumindest für eine Seite informative Gespräche zu führen, ohne den Inhalt überhaupt geistig an eine einzige Gehirnzelle anzudocken. Es führt zu etlichen Verstrickungen und Verwirrungen im Alltag. Aber so ist das, wenn man ein Lese-Ich beherbergt, dass die Realität durch ein magisches Tor verlassen hat und sich an einem fernen fremden Ort befindet.
Und, mal ganz ehrlich: Wer so unsensibel ist, sich mit einem Lese-ich, dessen gesamte Körperhaltung „Jetzt nicht“ aussagt, ernsthaft unterhalten zu wollen, hat doch selber Schuld oder?
Es reagiert äußerst gereizt, wenn wir, die Protagonistin, ihre Vertrauten und ich, im Höhepunkt der Geschichte gestört werden. Und dann auch noch für länger als einen winzigen Wimpernschlag.
3. Das Lese-Ich und die Rückkehr in die Realität
Diese Rückkehr kann einige Zeit in Anspruch nehmen. Mitunter kann mein Lese-Ich noch tagelang unter einem Antagonisten leiden. Es kommt darauf an, wie heftig die Lektüre ist, wie fair der Ausgang der Geschichte war. Musste meine neue Freundin, die Protagonistin oder einer ihrer engsten Vertrauten, sehr leiden, kehrt mein Lese-Ich sich nach innen, ist nachdenklich und reagiert verletzlich. Mitunter kann es sogar aufbrausend heftig auf kleine Ungerechtigkeiten im normalen Leben reagieren, wenn die Belastung noch nicht abgeklungen ist. (Eine leere Keksdose reicht mitunter schon.)
Inzwischen ist es sehr wählerisch geworden und liest nur noch selten zu aufwühlende Geschichten.
4 Mein Lese-Ich kann Sparsamkeit
Mein Lese-Ich hat es sich zum neuen Sport gemacht, eine Geschichte, die sich wirklich vielversprechend entwickelt, tagelang zur Seite zu legen und abzuwarten, bis die nächste Wohlfühllektüre erworben wurde und wir mit einem guten Gewissen zu Ende lesen können, in der Erwartung eines weiteren unglaublich guten Buches.
5 Lese-Ich=Verschlinger-Ich
Manchmal schleicht sich ein ungewöhnlich gutes Buch oder sogar eine gute Serie in mein Leben, das mein Lese-Ich zum Seiten-Verschlinger mutieren lässt. Jeder Versuch, die Lektüre zu strecken, scheitert und mein anderes Ich verkriecht sich in dem dunkelsten, bequemsten und ungestörtesten Winkel dieses Hauses. Es zeigt sich erst wieder, wenn die Lektüre beendet ist. Selfcare wird in der Zwischenzeit reduziert auf ein Minimum. Wie oben bereits erwähnt: Mehr als Nahrungsaufnahme (Tee und Kekse) und gelegentliche Gänge zur Blasenentleerung sind nicht nötig.
6. Das Kämpfer-Ich
Eine überraschend heftige Verteidigung von Lese-Plätzen, sowie unter Schweiß und Tränen erkämpfte Lese-Zeiträume werden selbstverständlich vom Lese-Ich verteidigt, als ging es um die letzte sichere Bastion dieser Welt.
7. Schlafen? Muss das sein?
Schlafen und wachen unter dem Lese-Ich unterliegt gänzlich anderen Gesetzen als außerhalb der Lesezeit. Da gibt es eher ein „vor dem Buch“ und ein „nach dem Buch“. Ein „nur dieses Kapitel noch“ kennt mein persönliches Lese-Ich nur selten. Wenn es erforderlich ist, macht mein Lese-Ich auch mal die Nacht durch, um endlich zu erfahren, wer der Mörder war, wie die Welt gerettet wird oder ob sie sich endlich ihre Gefühle eingestehen können.
8. Lese-Ich – ein Allrounder
Mein Lese-Ich kann Saltos schlagen, Bogen schießen und ist eine Zauberin. Es ist außergewöhnlich schlagfertig und redegewandt und gehört zur Sorte: Resilientes Stehaufmännchen, dass unermüdlich auf der Suche nach Seelenfutter in Buchstabenform ist. Sein Kleiderschrank beherbergt zauberhafte Prinzessinnenkleider, atemberaubende Abendrobe, genauso wie Casual Businessanzüge und engsitzende Lederkluft für spontane Kampfhandlungen zwischen Teatime und Dinner. Es beherrscht logischerweise mehrere Sprachen, Kampfsportarten und war auf etlichen Zauberschulen, obgleich es ein niedlicher Tollpatsch ist, das Männerherzen durch einen bloßen Wimpernschlag höher schlagen lässt. Dass mein reales ich, ein übergewichtiges ich ist, dass im Höchstfalle, die Eleganz eines Marienkäfers auf dem Rücken hat, stört mein Lese-Ich überhaupt nicht.
9. Mein Lese-Ich ist ein abenteuerliches Ich.
Es hat Spaß daran neue Genres und neue Ideen zu erkunden, solange es diese interessant genug findet.
In den vergangenen Jahren hat mein Lesendes Ich mir so viele wertvolle Stunden geschenkt, dass es den Wunsch entwickelt hat, eigene Geschichten zu erfinden, die ihm Rückzugsort und Lese-Genuss gleichermaßen sind. Hier entwickelt es Charaktere, die es gern durchs Leben begleiten möchte, in Situationen, die es erfahren möchte. Es hat durch meine eigenen Geschichten die Möglichkeit erhalten, tief in die eigene Fantasie einzutauchen und Dinge zu erleben, die ich mir noch nie zuvor vorgestellt habe. Es hat Grenzen gesprengt.
Im Universum meines Lese-Ichs haben sich einige Lieblingsgeschichten aufgetan, die es immer wieder lesen kann. Diese Geschichten bieten einen Rückzugsort, an die es immer wieder gern zurückkommt, um zu lachen, zu fühlen und zu siegen. ☕
In „15 Besonderheiten, die mich als Autorin ausmachen“, gibt es weitere nerdige Facts über mich. 😊



