Gute Produkte entstehen durch Überarbeitungen und Testphasen. So auch bei Büchern. Das Manuskript in fremde Hände zu geben ist nicht nur ein großer Schritt und ein enormer Vertrauensbeweis – es ist auch eine Situation, in der gegenseitiges Verständnis gefordert ist.
Vielleicht hast du schon mal mit dem Gedanken gespielt, dich als Testleser anzubieten, oder du hast hin und wieder als Testleser ausgeholfen, bräuchtest jedoch einen kleinen Leitfaden, an dem du dich ausrichten kannst. Ich selber bin Testleserin und lasse testlesen, darum habe ich mir gedacht, ich schreibe mal runter, was ich beim Testlesen berücksichtige. Vielleicht hilft dir einer der zehn Punkte aus dieser Situation einen Gewinn für das Buch zu machen
In der Entstehung des Romans gibt es wiederkehrende Bearbeitungsphasen. Um zu verstehen, wo deine Hilfe am meisten bewirkt, hilft es, das ganze Gefüge einmal näher zu betrachten: Ein Manuskript ist ein wachsendes Gebilde, das verschiedene Stadien durchläuft. Das könnte ungefähr so aussehen:
- Plotten / Charaktererstellung
- Schreiben der Rohfassung
- Hier wäre die erste Möglichkeit für eine Testlesung, das wird jedoch selten gemacht
- 1. Überarbeitung
- Möglicherweise eine 2 Überarbeitung (oder auch eine dritte und vierte – das kommt auf den Autor, seine Arbeitsweise, seine Erfahrung und den Zustand der Rohfassung an)
- Nach den ersten Überarbeitunsphasen sind oft die Testleser dran
- Einarbeitung des Testleser-Feedbacks
- Lektoratsrunde 1
- Überarbeitung nach Lektorat 1
- Lektoratsrunde 2 (wenn es ein Lektorat aus zwei Runden gibt)
- Überarbeitung nach Lektorat 2
- Auch an dieser Stelle gibt es hin und wieder den Bedarf für Testleser
- Buchsatz
- Druckfahne (bei Verlagen)
- Veröffentlichung
(Diese Liste ist nicht vollständig, es ist nur ein Arbeitsbeispiel. In der Realität ist der gesamte Publikationsprozess lebhaft, wie die Menschen, die ihn durchlaufen.)
Eine Testlesung direkt nach der Rohfassung wird selten gefordert. An dieser Stelle in der Entstehung ist der Text eben genau das: roh. Schwer zu lesen und oft mit Logikfehlern übersät. Üblicherweise werden Testlesungen nach den ersten Überarbeitungsphasen gemacht. Wenn deine Hilfe erst nach dem Lektorat gefragt ist, ist eigentlich schon alles Wichtige gelaufen. Das heißt, entweder dein Feedback dient dem Marketing oder der Autor ist nach dem Lektorat unsicher. Auch wenn ein Lektorat gerade für Selfpublisher sehr kostspielig sein kann, kann es leider vorkommen, dass das Lektorat nicht zufrieden stellend ist. Beide Varianten einer Testlesung nach dem Lektorat habe ich bereits erlebt. Testlesen ist also immer ein relevanter und wichtiger Punkt und verdient einen ernst zu nehmenden Fokus. Aber es auch eine wunderbare Reise, auf die man sich als einer der ersten einlassen darf und damit etwas ganz Besonderes.
Egal, an welcher Stelle des Entstehungsprozesses deine Testlesung dran ist, folgende Punkte sollten für dich hilfreich sein:
1. Wie lautet der Auftrag? Oder: Anforderungen und Vereinbarungen – sehr wichtig!
Lies dir aufmerksam die Anforderungen des Autors durch. Gibt es ein Merkblatt, dass du nach dem Lesen durcharbeiten sollst? Gibt es spezielle Punkte im Roman, mit denen der Autor sich nicht sicher fühlt? Dann berücksichtige das im Vorfelde. Generell gilt: Halte dich an die Vereinbarungen.
Ich persönlich gebe keine zusätzlichen Schwerpunkte beim Lesen mit, da die meisten Leser (ich eingeschlossen) dann oft so sehr mit dem Schwerpunktthema beschäftigt sind, das der Roman als Ganzes leider in den Hintergrund rückt und ein unverfängliches Leseerlebnis ausbleibt. Dadurch können wiederum andere Schwachstellen und Fehler unbemerkt bleiben.
Aber hin und wieder sind Lesungen mit Schwerpunkten notwendig. Dann ist es sehr gut, wenn man auf mehrere Testleser zurückgreifen kann, damit einige sich mit dem Schwerpunkt befassen und die übrigen, gegebenenfalls zu einem späteren Thema das Werk ganz normal lesen können.
2. Zustand des Manuskriptes
Es gibt Manuskripte, die bei der ersten Testlesung in einem haarsträubenden Zustand sind. Das ist manchmal so. Und wenn das vorher abgesprochen war, ist das auch in Ordnung. Es macht das Testlesen allerdings etwas schwieriger. Manchmal hinkt die Logik, weil zwischen der Erstellung zweier Textpassagen viel Zeit verstrichen ist, oder die Charaktere funktionieren noch nicht richtig. Mal abgesehen von einer hektischen und vor Fehlern strotzenden Schreibweise. Es ist möglich, auch solche Texte durchzugehen. Sie brauchen einen klaren Fokus und viel Verständnis, aber es ist machbar.
Wenn du jedoch weißt, dass es dir schwerfällt, dich durch einen kaum überarbeiteten Text zu lesen, der dann möglicherweise auch noch von einem Autor stammt, der noch unerfahren ist, dann ist es völlig okay, wenn du ablehnst. Alternativ könntest du anbieten, den Text in einer späteren Phase durchzugehen, wenn die gröbsten Ungereimtheiten aufgearbeitet sind und die Textstruktur flüssiger zu lesen ist.
3. Wie soll das Feedback übermittelt werden? (Fragebögen und Formate)
Einige dich mit den Autoren, für die du liest, wie du deine Kritik mitteilen sollst. Manchmal gibt es einen Fragebogen, in dem alles was Wichtige abgefragt wird. In vielen Fällen, darf dieser auch erst gelesen werden, wenn die Testlektüre beendet ist, damit der Fokus im Testlesen nicht versehentlich auf die Fragen fixiert ist. Darum schicken einige Autoren den Fragebogen auch erst raus, wenn du Bescheid gibst, dass du fertig bist.)
Sollst du Kommentare am Rand des Textes machen? Ist es für die Autoren okay, wenn du im Text Änderungen vornimmst und die Änderungsverfolgung aktivierst? Verfügst du über die erforderliche Software, um dies zu bewältigen? Das war bei mir tatsächlich nicht der Fall. Ich habe mir schlussendlich doch noch einmal Word zugelegt, weil so viele befreundete Autoren damit arbeiten. Das hat das Testlesen für uns alle leichter gemacht. Einmal habe ich sogar einen Text als Epub-Datei bekommen, weil es schnell gehen musste, und die Autorin gerade nicht auf ein anderes Format zugreifen konnte. Nun hatte ich zum Glück eine Software parat, mit der ich die Datei in ein PDF-Dokument umwandeln konnte und hier konnte ich auf eine Kommentar-Funktion zugreifen. Es spart jedoch Zeit, wenn man im Vorwege abklärt, wie die Testlesung über die Bühne laufen soll.
4. Gibt es einen groben Leitfaden für Testlesungen? Weiß ich nicht, aber du kannst dich an diesen Fragen orientieren:
Wenn du nicht weißt, worauf du beim Testlesen achten musst, kannst du dich an folgenden Fragen orientieren:
- Wie fühlt sich die Geschichte für mich an?
- Verhalten sich die Charaktere stimmig oder ist da etwas, das für mich nicht passt?
- Wird der Text stellenweise langweilig?
- Gibt es Erklärungen, die ich nicht verstehe?
- Kann ich der Logik der Handlung folgen?
- Hält sich der Roman an die Genre-Erwartungen? Falls er es nicht tut, bricht er die Regeln dann trotzdem noch innerhalb der Grenzen des Genres oder verlässt er sie vollständig?
- Wie fühle ich mich nach der Lektüre?
- Habe ich noch offene Fragen? Wenn ja, wollte der Autor, dass diese Fragen offenbleiben? (Nicht beantwortete Fragen sind eine häufige und logische Praxis für Serien, trotzdem sollte darüber gesprochen werden, um sicherzugehen. Wenn du genau die Fragen ansprichst, die offenbleiben sollten, ist das ein Zeichen für den Autor, dass er in dieser Hinsicht alles richtig gemacht hat.)
Aber vermutlich hast du genug Romane gelesen und Filme gesehen, um ein feines Gespür dafür zu haben, wenn sich der Romanverlauf nicht ganz stimmig anfühlt.
Eine Testlesung umfasst noch mehr Punkte. Wir haben uns hier auf die ersten Schritte konzentriert. Aber wie geht es nach dem ersten Check weiter, wenn du in der Geschichte bist oder das ganze Buch gelesen ist? Im zweiten Teil sehen wir uns genau das an- und: Wie du Kritik so anbringen kannst, dass sie konstruktiv ist, und warum Ehrlichkeit manchmal weh tun darf und aber niemals zerstören sollte.
Ich freue mich, dass du hier warst. Hab einen wundervollen Tag voller besonderer Momente. ☕ Wir sehen uns…
Illa 🧡
Hi, ich bin Illa, Autorin für Cozy Geschichten, Illustratorin und Bloggerin. In meinem chaotischen Familienalltag sehne ich mich oft nach Cozyness und Stille. Dieses Sehnen zu teilen ist mir zu einer Lebensaufgabe geworden. Mehr erfährst du hier.
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