und dürfen wir darüber urteilen?
Nicht selten ist man mit einem Urteil schnell bei der Hand – der Roman hat mir nicht gefallen, jene Schauspieler haben schlecht gespielt, Groschenromane haben keine Daseinsberechtigung … So formulieren wir gerne unsere Meinung.
Aber ist das alles wirklich so? Manchmal lese ich Buchrezensionen, bei denen mir das Herz für den Autor weh tut, und bei denen ich mich für den Rezensenten fremd schäme. Da wird dann eine 500 bis 1000 Wörter Rezension verfasst, in der der Rezensent sein eigenes Fachwissen vermittelt und einen Roman detailliert zerreißt. Diese Bewertungen sagen uns oft mehr über den Urheber der Rezension als über den Roman. Und ich spreche hier nicht von Fachliteratur, sondern von Fiction: Ausgedachten Romanen.
Welchen Zweck verfolgt die Lektüre?
Mal Hand aufs Herz: Die meisten von uns haben sich doch eher durch ihre Pflichtlektüre im Deutschunterricht hindurchgequält. Und ganz ehrlich: Mich hat weder Bahnwärter Thiel mitgerissen noch Iphigenie auf Tauris, doch für eine einigermaßen akzeptable Deutschnote nimmt man ja einiges in Kauf.
Dennoch erfüllt diese Literatur einen Zweck und ist durchaus lehrreich, wenn sie mehr als nur Mitleid für die Protagonisten weckt, Moral und Ethik in der Geschichte entdeckt und begriffen werden und die Grundlagen für literarisches Verständnis ausgebaut werden.
Jede Literatur erfüllt ihren Zweck. Jedes Buch hat eine Zielgruppe. Und mitunter passiert es, dass man einen Roman erwischt, zu dessen Zielgruppe man einfach nicht gehört.
Warum sollte ein leidenschaftlicher Thriller-Leser eine schnulzige, kitschige Romanzen lesen?
Es gibt die ganz schwere Literatur: Schicksalsschläge, politische Verfolgung, gesellschaftliche Meinungsbildung, Verständnisfragen, Beschäftigung mit dem Zeitgeschehen. Natürlich sind diese Kategorien wichtig und bedeutsam. Fragen der aktuellen Zeit zu behandeln ist ein wertvolles Thema.
Aber: Haben wir auch immer die geistigen Kapazitäten dafür?
Bedeutet es dann, dass Romanzen nicht mehr geschrieben werden sollten, dass Groschenromane keine Daseinsberechtigung haben und Horrorgeschichten verteufelt werden sollten? Nein, es bedeutet doch viel eher, dass Leser sich im Klaren darüber sein müssen, dass sie ihre Neigungen kennen. Und wenn sie ihr Genre abstecken, reicht es, wenn sie aufwertend über ihre eigenen Vorlieben sprechen. Man muss nicht abwertend über die Dinge sprechen, die einem nicht gefallen. Man kann auch darauf verzichten, Bücher negativ zu bewerten, die nicht gefallen haben, weil man sich im Genre vergriffen hat. Diese Aussage jedoch ist kein Freifahrtschein für menschenverachtende oder sexistische und gewaltverherrlichende Texte.
Ruhig mal Zurückhaltung üben
Gehe ich los, lese Dark Romance oder einen Liebesroman für lesbische Frauen und bewerte diese Romane schlecht? Nein. Ich lese es einfach nicht, weil ich weiß, dass ich nicht zur Zielgruppe gehöre, dass es nicht meinen bevorzugten Genres entspricht. Dennoch weiß ich, dass es eine Zielgruppe liebt, und regelmäßig mit neuen Veröffentlichungen versorgt werden.
Wenn ich zu Recherchezwecken einen Roman lese, der außerhalb meiner abgesteckten Romankategorien liegt und ich merke, dass mir die Lektüre aufgrund meiner persönlichen Neigungen schwerfällt, kann ich trotzdem Schreibstil, Logik, und Spannungsbogen bewerten. So lange diese Dinge im Roman funktionieren, war das Handwerk gut, das Thema jedoch nicht mit meinen Interessen kompatibel. Ich rezensiere Bücher nicht mehr, die an meinen Vorlieben vorbeisegeln. Vielleicht war das Marketing irreführend, oder ich habe mich von etwas angesprochen gefühlt, dass gar nicht für mich gedacht war. Egal. Schwamm drüber. Im schlimmsten Fall kann ich das Lesen abbrechen und den Roman zurückgeben. (Was ich nicht mache, wenn das Buch durchgelesen ist. Das gehört sich nicht. Aber das ist ein anderes Thema.) Dafür gibt es diese Möglichkeit ja. Manchmal kommt ein schlechtes Match zustande. Das passiert.
Vielfalt in Romanen ist richtig und wichtig
Der Großteil unserer Unterhaltungsliteratur ist reine Fiktion. Hirngespinste. Die besten Romane entstehen, wenn Autoren sich die Frage stellen: Was wäre wenn? Wenn Hitler noch leben würde? Wenn die Dinos nie ausgestorben wären? Wenn morgen Krieg ausbrechen würde? Wenn der sexy Typ aus dem Fitnessstudio nach meiner Telefonnummer fragt? Wenn Tante Paula und Cousin Herbert sich wieder vertragen und Großtante Marie sie doch nicht enterbt? Wenn ich meinen Garten umgrabe und eine Truhe voll Gold finde?
Es ist erlaubt fiktiven Gedanken zu folgen, die einfach nur Spaß machen.
Es ist erlaubt fiktiven Gedanken zu folgen, die einfach nur Spaß machen. Wenn sie noch eine Ethik und Moral beleuchten können ist es natürlich eine schöne Bereicherung. Ein guter Roman transportiert uns immer durch eine Reihe von Problemen und lässt uns nach der Lektüre verändert zurück. Aber dafür muss der Autor nicht zwangsweise ein Thomas Mann sein.
Auch E. L. James hat es geschafft Massen zu begeistern und ich habe weder ihre Werke noch die von Thomas Mann gelesen. Trotzdem haben sie die Menschen bewegt, Fragen aufgeworfen, Debatten aus dem Schatten ins Licht gezerrt, Empörung, Verdruss und Begeisterung geerntet. Welche Lektüre ist jetzt verpönt? Darf man Thomas Mann und E. L James überhaupt in einem Satz nennen? Ich vermute mal, dass E. L. James viele Menschen zum Lesen gebracht hat, die vorher keine regelmäßigen Leser waren. Zumindest in meinem damaligen Bekanntenkreis, konnten auf jeden Fall sehr viele Frauen plötzlich Zeit zum Lesen aufbringen.
Die Frage ist doch also immer: Welcher Zweck steht hinter der Literatur? Bedient sie eine Zielgruppe?
So lange der Roman und die Zielgruppe geltende Menschenrechte nicht verletzen, erübrigt sich die im Titel gestellte Frage. Es ist egal, wie sinnhaft tief ein Roman ist, wenn er einen Zweck erfüllt, darf er sein. Und es steht uns zu, verantwortungsvoll mit unseren Urteilen umzugehen.
Aber was, wenn der Roman einfach nur grottenschlecht ist?
Nun sagst du mir aber, es ist nicht das Genre, das dir nicht gefällt, oder der Trope. Es ist viel mehr die Perspektive, die dir missfällt, oder der Schreibstil des Autors. Die Handlung funktioniert für dein Empfinden nicht richtig oder dir gefällt der Schluss nicht. Oder du fandest alle Charaktere super nur den Loveinterest nicht oder der Antagonist hatte nicht genügend Tiefgang und wirkte nicht überzeugend genug.
All diese Dinge sind möglich und darum ist es wichtig, dass wir unsere Toleranzgrenzen kennen.
Ich rolle auch bei einigen Romanen mit den Augen. Es gibt Witze, die ich nicht witzig finde und einige Romanideen würde ich gar nicht erst angehen, weil sie mir zu albern wären. Da existieren Romane für die ich niemals ein Quäntchen Zeit aufbringen würde sie zu lesen, weil es in meine Augen reine Verschwendung wäre. Aber wenn ich mir den Roman im Shop ansehe, hat er tausende positive Bewertungen erhalten. Fakt ist: Es ist nur meine Meinung. Der Rest der Bevölkerung tickt anders und hat andere Prioritäten. Das gilt für jedermanns Wahrnehmung und wer sich einen respektvollen Umgang wünscht, ist dazu eingeladen, sich selbst den höchsten Respekt einzuräumen und einschließend Kreise zu ziehen.
Kategorisierungen können den Unterschied machen
Trotz allem bin ich ebenfalls der Meinung, dass in Anbetracht der Vielfalt an Literatur, die es in der Welt inzwischen gibt, Kategorisierungen unverzichtbar sind. Gerade mein Artikel über Dark Romance hat mir wieder gezeigt: Es gibt Dinge, die will einfach nicht jeder lesen. Es existieren Bücher deren Inhalt bedenklich ist, und Leser sollten die Chance haben sich bewusst entscheiden zu können.
Je spezifischer wir die Inhalte von Büchern einordnen können, umso sicherer fühle ich mich als Leserin, umso einfacher ist es für die Zielgruppe. Ja, ich habe Bücher gelesen, die ich nicht hätte lesen wollen und ich vermute, dir geht es ähnlich, darum bin ich inzwischen auch ein Fan von Triggerwarnungen, obwohl ich sie zu Beginn sehr befremdlich fand. Sie haben bisher nicht dazu geführt, dass ich Bücher nicht mehr lese. Viel mehr habe ich für mich festgestellt, dass ich es okay finde, wenn ich weiß, was auf mich zukommt und mir dann auch tatsächlich Romane zutraue, die ich sonst nicht gelesen hätte. Ich kann mich bewusst darauf einlassen und reagiere nicht empfindlich, weil meine Erwartung vor dem Lesen, in eine völlig andere Richtung ging.
Wie stehst du zu dem Thema? Teile mir deine Gedanken gern in den Kommentaren mit.



