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Testlesen Teil 2: Von K wie Kritik, bis Z wie Zeitmanagement

In Teil 1 haben wir uns mit den wichtigsten Fragen beschäftigt, die zu Beginn jedes Testlesens geklärt sein sollten. In welcher Form beispielsweise das Manuskript übergeben wird, an welcher Phase des Veröffentlichungsprozesses die Geschichte sich gerade befindet, wie viel Zeit zum Lesen ist und so weiter. Wir haben uns im ersten Teil dieser Artikelserie sozusagen bis zur ersten Seite des Manuskriptes vorgearbeitet. In diesem Artikel gehen wir nun die nächste Meile: Das Lesen des unfertigen Romans.

Es gibt eine Reihe von Kleinigkeiten, über die man sich beim Lesen anfängt Gedanken zu machen. Das hat nichts mit dir zu tun, oder damit, dass du die Geschichte nicht verstehst. Da tauchen ganz logischerweise Ungereimtheiten auf, und aus genau diesem Grund liest du. Es ist ein Mammutprojekt einen einzigen Geist durch diesen ganzen Inhalt zu bringen.

Als Autor ist man der absolute Spezialist für die Geschichte und folglich nach einer Weile völlig betriebsblind. Man weiß nach einer Weile nicht mehr, welche Erklärung schon dreimal in der Geschichte ist und welche fehlt. Darum gibt es die Testleser. Sie zeigen dem Autor, wo sie nicht mitgekommen sind, welche Passagen sehr schwer zu lesen sind und was sie geliebt und gehasst haben. Und das tun sie im Idealfall konstruktiv. Lass uns direkt ins Thema starten!

5. Keine Rechtschreibung, keine Grammatik

Ich weiß, ich kann mich auch schwer zurückhalten, wenn ich im Text über einen Fehler stolpere. Aber es lohnt sich meist in dieser Phase der Entstehung eines Romans nicht, Rechtschreibung und Grammatik zu korrigieren. Die Testlesung findet oft nach der Rohfassung oder nach den ersten Überarbeitungsrunden statt. Meist folgen ihr ein oder zwei Lektoratsrunden und schlussendlich noch ein Korrektorat. Drei Runden also, in der Fehler behoben werden, neuer Text entsteht, neue Fehler gemacht werden und so weiter. Die meisten Autoren, mit denen ich bisher zusammen gearbeitet habe, haben sich trotzdem über diese kleinen Korrekturen gefreut. Aber es ist absolut nicht notwendig. Wenn du den Fokus auf Rechtschreibung und wohlklingende Sätze legst, kann es mitunter passieren, dass dir die Konzentration auf den Spannungsbogen ein wenig verloren geht. Aber gerade das ist sehr wichtig – Bauchgefühl.

6. Wie ehrlich darf Kritik sein? Und warum der Ton, der die Musik macht, wichtig ist.

Teile deine Kritik freundlich mit. Wenn Kritik zu aggressiv mitgeteilt wird, ist es möglich, dass dein Autor eine Weile braucht, um sich davon zu erholen. Möglicherweise landet die Geschichte sogar in der Schublade der aufgegebenen Träume und wird niemals veröffentlicht. Überlege dir selber, wie du dich fühlen würdest, wenn dir jemand harsche Kritik zu einem Projekt ins Gesicht bläst, in das du all dein Herzblut gesteckt hast. Da möchtest du sicher auch eher behutsam auf deine Fehler hingewiesen werden. Wenn es notwendig erscheint, benutze lieber ein paar mehr Worte, um dein Wohlwollen zu verdeutlichen.

Wenn du gar nicht weißt, wie du deine Kritik verpacken sollst, kannst du die altbewährte Sandwich-Methode nutzen. Du hast sicher schon davon gehört: Man verpackt die Kritik – man könnte sie in diesem Beispiel sinnbildlich als Brotbelag betrachten – zwischen zwei köstliche Scheiben Lob – fluffig, weich und schmilzt auf der Zunge.
Beispiel: Mir hat die Idee total gut gefallen, als Suse den kleinen Welpen vor dem heranrasenden Bus retten wollte, aber mit dem emotionslosen Arzt im Krankenhaus in der folgenden Szene konnte ich nichts anfangen. Der Übergang in die nachfolgende Krankenpfleger-Situation, in der sie ihren Loveinterest kennenlernt, fand ich wieder total schön.

7. Warum auch Lob wichtig ist:

Markiere nicht nur die kritischen Stellen, sondern hebe ruhig auch hervor, was dir besonders gut gefallen hat. So kann der Autor sich an den Passagen orientieren, die ihm gut gelungen sind, wenn er die Übrigen verbessert. Mir persönlich hat es sehr geholfen, wenn meine Testleser solche Stellen markiert haben.

8. Wie viel Meinung braucht der Autor eigentlich? (Umfang und Zeitdruck)

Wie sinnvoll ist deine lange umfangreiche Meinung? Ich versuche, immer abzuwägen, ob es dem Autor etwas bringt, wenn ich meine Meinung über mehrere DIN A 4 Seiten auslege. Am Ende ist die abschließende Bewertung eines Romans immer die Schnittmenge, aller Bewertungen, die das Buch erhält. Und dafür reicht eigentlich nur: Fand ich es gut oder schlecht?

Aber: Waren da jetzt handlungsrelevante Probleme, die wirklich noch besprochen werden sollten? Ja? Dann müssen diese Probleme angesprochen werden.

Wenn ich aber weiß, meine Autorin steht unter Zeitdruck und es lesen sechs andere Testleser zur gleichen Zeit, wie ich, dann halte ich mich kurz. Ich weiß, dass den anderen Testlesern oft nicht auffällt, was mir auffällt, sie aber ihrerseits andere Dinge zu bemängeln haben als ich. Darum ist es so wichtig, mehrere Testleser zu haben.

Steht meine Autorin jedoch unter Zeitdruck, und ich bin die einzige Testleserin, die liest – dann lasse ich mich länger über meine Anmerkungen aus.

Hier finde ich es wichtig, die Situation zu bewerten und ihr dann entsprechend Raum zu geben. Ein abschließendes Resümee verfasse ich immer, wenn ich testgelesen habe. Und wenn meine Testleser nicht alles ansprechen, was mir wichtig war, dann frage ich einfach noch einmal nach.

9. Anhaltspunkte zum Verfassen eines Resümees:

  • Wie ist das Gefühl nach der letzten Seite? Wie lässt mich das Buch zurück?
  • Welche Figur habe geliebt oder gehasst?
  • Fand ich irgendetwas wirklich außerordentlich fragwürdig? (Und hat es mich so sehr verwirrt, dass es mich nicht in Ruhe lässt? Dann spreche ich es an.
  • Würde ich den nächsten Teil lesen wollen?
  • Welche Szene oder Formulierung ist mir im Kopf hängen geblieben?

Diese Dinge schreibe ich noch einmal extra auf, weil sie mitunter im Überarbeitungsprozess untergehen.

10. Zeitpläne einhalten

Für das Testlesen wird generell ein zeitlicher Rahmen abgesteckt. Meist steht der Termin mit dem Lektorat bereits und es braucht ein paar Tage das gesamte Testlesefeedback durchzugehen und das Manuskript entsprechend anzupassen. Darum ist es wichtig, Testlesungen nur dann zuzusagen, wenn es zeitlich wirklich gerade passt.

11. Passt das Genre überhaupt zu dir?

Überlege dir vorher, ob du mit dem Genre, in dem der testzulesende Roman spielt, etwas anfangen kannst. Kritik, die daher rührt, dass du mit dem Genre nicht klarkommst, ist alles andere als konstruktiv. (Im Übrigen gilt das natürlich auch für Rezensionen.) Das ist verschwendete Zeit für dich und den Autor.

Das war unsere Testleser-Reise auf der Seite der Lesenden. Aber wie sieht die Perspektive aus dem Blickwinkel des Schreibenden aus? Zu wissen, was für Autoren wichtig ist, kann für uns beim Testlesen ein besseres Verständnis schaffen. Darum lade ich dich herzlich ein, auch Teil 3 dieser Reihe anzusehen. Oder, falls du selber Autor bist, komm mit in den nächsten Artikel: Wir sprechen darüber, wie du dir das ganze Prozedere organisieren kannst. Wo ich völlig unkonventionell vorgehe und was meine Erfahrungen sind.

Hier kannst du meinen ersten Teil der Artikelserie finden.

Ich freue mich, dass du hier warst. Hab einen wundervollen Tag voller besonderer Momente. ☕ Wir sehen uns…

Illa 🧡

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